Kleine Orgelkunde


Wie jedes Handwerk, jede künstlerische Tätigkeit, kennt auch der Orgelbauer und Orgelspieler Begriffe, deren Bedeutung sich dem Laien und Musikfreund nicht sofort erschließen. Auch bleibt dem Betrachter eines Orgelwerks das Innenleben und die sehr unterschiedlichen Formen der Pfeifen, die für den charakteristischen Klang eines Registers maßgeblich sind, weitgehend verborgen.
Unsere kleine Orgelkunde will eine Hilfestellung geben.


Diesen Blick in das Rückpositiv unserer Orgel hat man, wenn die Rückseite des Gehäuses - also die dem Organisten zugewandte Seite - geöffnet ist.
Da sehen wir bereits sehr unterschiedliche Größen und Formen. Alle Pfeifen stehen mit ihrem Fuß auf der sogenannten Windlade.
Wenn wir eine Taste des Orgelmanuals oder des Pedals drücken, wird durch ein mechanisches Hebelsystem - die Traktur genannt - ein Ventil in der Windlade geöffnet. Die Luft wird aber nur dann in die Pfeife strömen und einen Ton erzeugen, wenn gleichzeitig die Registerschleife gezogen ist, die den Luftstrom für die ganz Reihe der Pfeifen des Registers zunächst versperrt.

Wir erkennen das Prinzip auch beim Betrachten der folgenden Grafik:

Vereinfachter Funktionsquerschnitt einer kleinen einmanualigen Orgel mit mechanischer Spieltraktur und zwei Schleifladen.

gelb: Manual und Pedal
rot: Traktur
grün: Windladen
orange: Schleifen in den Windladen
blau: Pfeifen
oliv: Windwerk
(nicht dargestellt: Balg und Registrierung)




Wie vielfältig die Formen der Pfeifen sein können - und damit der Klang der Register - zeigt die folgende Grafik:



Welche Töne wir in der Klangmischung von Grund- und Obertönen hören, macht nachstehende Grafik deutlich (Anfang der Fuge in a-moll von J.S. Bach)

"Orgelwissen" von A bis Z

Aliquotregister Register, die als selbstständige Pfeifenreihen die Quint- oder Terz-Obertöne über einem Grundton verstärken und zur charakteristischen Klangfärbung dienen, z. B. zur Darstellung einer Solostimme. Registernamen z.B: Nazard 2 2/3.
aufbänken Auf kleine Extra-Windlade stellen (Cornett.)
Aufschnitt Rechteckige vordere Öffnung der Labialpfeifen, ebenso Bezeichnung für den Abstand von Ober- und Unterlabium. Die Größen und Maßverhältnisse des Aufschnitts bestimmen Ansprache und Klang der Labialpfeifen.
Balg Als Windspeicher (Luftspeicher) können diese den Pfeifen jeweils genügend Wind liefern, auch dann, wenn durch Anschlagen zahlreicher Tasten bei vielen eingeschalteten Registern punktuell großer Windbedarf besteht. Die verbrauchte Windmenge kann vom Orgelmotor schnell ausgeglichen werden. Besitzen Orgeln mehrere Bälge als Windreservoir, werden diese als Magazinbälge bezeichnet.
Bombardwerk Alle Pedalzungenregister, ergänzt um die gegenüber dem Manualumfang fehlenden Töne, werden per Tritt-Schaltung manualiter auf dem Hauptwerk spielbar.
Grand-jeu frz. Für "Hauptwerk"; auch: Zusammenfassung der Register Prestant 16'+8'+4'+Cornett+Trompette.
Kondukte Rohrverbindung von der Windlade zu einer Pfeife, die außerhalb der Windlade platziert werden musste.
Koppel Ein- und ausschaltbare Vorrichtung der Spielanlage, die das Mitspielen der Register eines Teilwerkes der Orgel auf einem anderen Manual bzw. im Pedal ermöglicht.
Labialpfeifen Labialpfeifen (Lippenpfeifen) Tonerzeugung durch brechenden Luftstrom (s.u.).
Labium Pfeifenmund einer Lippenpfeife (Labialpfeife) mit Aufschnittsöffnung, Ober- und Unterlabium. Im Bereich des Labiums wird der Ton erzeugt.
Mixtur "Mischung" mehrerer hoch liegender Pfeifenreihen (Oktaven und Quinten, bisweilen auch Terzen) in einem Register mit Angabe "x-fach". Mixturen ergeben als Klangkronen den orgeltypischen glänzenden Klang. (frz.: Fourniture; Cymbal)
Plein-jeu Zusammenfassung der Prinzipal-Register (französischer Terminus) Entspricht dem deutschen "Prinzipal-Plenum".
Principale Hauptregister der Orgel mit zylindrisch offenen Labialpfeifen. Prinzipalregister sind das klangliche Rückgrat der Orgel, sie bilden den typischen Orgelklang. Höher liegende Prinzipalregister heißen einfach Oktave oder Quinte/Terz oder sind zu Mixturen zusammengefasst.
Prospekt Für den Betrachter im Raum sichtbarer Teil der Orgel, mit Pfeifen meist der Prinzipalregister künstlerisch gestaltete Schauseite.
Register Pfeifenreihe von einheitlicher Bauart und Klangcharakteristik. Zur Kennzeichnung der Tonlage eines Registers wird die Größe der längsten Pfeife (d. h. des tiefsten Tones) eines Registers in Fuß (´) angegeben.
Registerkanzellenlade Windlade der romantischen Orgel, in der die Pfeifen eines Tonesn gemeinsam mit Wind versorgt werden.
Schleierbretter auch "Orgelzier" genannt; neben der schmückenden Funktion am Orgelgehäuse tragen sie durch Klangkomprimierung nicht unerheblich zum Wohlklang des Instruments bei.
Schleife Bewegliche Holzleiste im oberen Teil der Windlade zum Ein- und Ausschalten der Register. Eine Schleife besitzt ebenso viele Bohrungen wie Pfeifen auf dem Pfeifenstock stehen. Das gleiche Bohrungsmuster befindet sich in der Windladenoberseite und im Pfeifenstock. Beim Einschalten ("Ziehen") eines Registers werden alle hierzu gehörenden Bohrungen deckungsgleich über einander ausgerichtet und der Wind für diese Klangfarbe freigegeben, die beim Betätigen der Tasten zur Öffnung der Tonventile erklingt.
Schleiflade Eine Windlade, die Schleifen zur Registersteuerung enthält.
Schweller Hiermit wird ganz allgemein die Vorrichtung zur stufenlosen Lautstärkeregulierung des Schwellwerks bezeichnet. Nicht die Lautstärke der einzelnen Pfeifen wird dabei verändert, sondern die Stärke des aus dem Schwellkasten nach außen dringenden Klanges.
Stiefel Unterteil einer Zungenpfeife, in dem sich unter anderem die schwingende Metallzunge befindet.
Streicher Labialregister mit enger Mensur und demzufolge obertonreichem, "streichendem" Klang, z.B. Viole de Gamba 8'.
Tonkanzelle Kammer unter der Pfeife in der hölzernen Windlade, in der sich das Tonventil befindet.
Tonkanzellenlade Windlade der Schleifladenorgel, in der die Pfeifen eines Tones gemeinsam mit Wind versorgt werden.
Traktur Sammelbegriff für die vielfältigen Verbindungen der Spieltraktur (von der Taste zum Ventil in der Windlade) oder der Registertraktur (vom Registerzug bis zur Schleife in der Windlade). Trakturen wurden im klassischen Orgelbau ebenso wie heute mechanisch gebaut. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es vor allem pneumatische, später auch elektrische Trakturen. Sehr große Orgel werden auch heute mit elektrischer Traktur gebaut.
Wellenbrett Brett mit seitlich verlängernden Achsen ("Wellen"), die mechanisch den Tastenabstand auf die Breite der Orgel vergrößern.
Wind So wird im Orgelbau die Luft bezeichnet, die mit einem bestimmten (Wind-)Druck die Pfeifen anbläst.
Windlade Die Windlade nennt man den Holzkasten", in dem der Wind unter den Pfeifen aus den Windkanälen zu den Pfeifen geführt und durch das Drücken der Tasten und Öffnen der in ihnen befindlichen Ventile in die Pfeifen geleitet wird.
Zungenpfeife (auch Lingualpfeife) Pfeife mit Tonerzeugung durch eine Metall-Zunge, deren Schwingung durch einen Resonanzkörper (Becher) verstärkt wird. Länge, Form und Material des Bechers prägen den Klang eines Tones. Beispiele: Posaune 16', Fagott 16', Trompete 8', Dulcian 8', Oboe 8'.
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