Quellen:
"Für Seelenheil und Bürgerwohl, 750 Jahre Stiftskirche und Spital Lahr", Kaufmann Verlag

wikipedia.de





Die Große Orgel
der Stiftskirche Lahr
des ehemaligen Stiftes St. Jacobus


Erbaut durch Ernest Muhleisen, Manufacture d'orgues, Strasbourg-Cronenbourg
in den Jahren 1968/1969, 1976 und 1999.


".....Zeugnis der Orgelbaukunst am Oberrhein ... und zugleich das bedeutendste, vollmechanische Instrument im badischen Raum."

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Kleine Orgelkunde


Die Orgeln der Stiftskirche
Die Orgel als konzertantes Instrument in christlichen Kirchen ist "bezeugt im 9. Jh. in Aachen, Freising [...] und Straßburg" und "im 14. und 15. Jh. gibt es sie in Mittel-, Süd- und Westdeutschland". Galt die Orgel in bedeutenden Kirchen großer Städte allgemein zunächst als repräsentatives Schmuckstück und als Konzertinstrument, so hat sie mit dem Aufkommen der Reformation eine bedeutende Erweiterung ihrer Funktion erfahren: die Begleitung des Psalmengesangs und später auch des Gemeindeliedes. Somit dürfte spätestens im 16. Jahrhundert auch in der Lahrer Stiftskirche eine Orgel vorhanden gewesen sein.

Frühe Belege


Den ersten Beleg eines möglichen, dortigen Organisten haben wir für Pfingsten 1659 mit dem Hinweis auf einen Schulmeister Johannes Pannifex, der als "guter Vocalis und instrumentalis musicus" beschrieben wird. Das Vorhandensein einer Orgel lässt sich aus einer Aktennotiz von 1673 schließen, welche "in der Kirch ein schönes Orgelwerk" erwähnt.

Zerstört, erneuert, beschädigt


Die nachfolgenden, vergleichsweise spärlichen Belege künden von einer wechselvollen und wenig rühmlichen Orgelgeschichte: 1677 wird die Orgel samt Orgelakten beim großen Stadtbrand zerstört, erst 1717 entsteht eine neue Orgel. Diese wird 1737 auf zwei neu gefertigten Emporen im Turm untergebracht, nach einer gründlichen Reinigung durch Orgelbaumeister Potiers im Jahr 1755 in den Chorraum versetzt, wo sie, nach einem neuerlichen Brand, seit 1758 immer unstimmiger wurde. Nach einem überteuerten und dilettantischen Umbau durch den italienischen Orgelbauer Ambrosius Ronzoni im Jahr 1768 wird die Orgel der Stiftskirche bereits 1778 wieder reparationsbedürftig: "Unter den Zungenregistern waren vox humana und angelica ganz unbrauchbar, wenn man kein Kälber- und Schafgeblöck hören wollte". Am Ende kosteten die Reparaturen durch den "Betrüger Ronzoni" mehr als 3000 Gulden und ließen 1780 an der verpfuschten Orgel schließlich kaum mehr als ein "leeres und disharmonisches Geschrei" ertönen.

Neubau aus prominenter Werkstatt


Nach diesen schlechten Erfahrungen entschied sich die Stadt Lahr für einen völligen Neubau der Orgel, der in den Jahren 1781-1783 als letztes Meisterwerk des berühmten Straßburger Orgelbauers Johann Andreas Silbermann entstand." Silbermann fertigte das Orgelwerk mit seinen Mitarbeitern in der Werkstatt in Straßburg gegenüber der St.-Thornas-Kirche, konnte aber die Aufstellung und Intonierung des neuen Werks in der Stiftskirche nicht mehr selbst leiten. Er übertrug die Bauleitung seinem Sohn Johann Josias und seinem Gesellen und Schwiegersohn Johann Conrad Sauer, welche die Orgel fertigstellten.

Sorgfältig gepflegt


Die Silbermann-Orgel stand bei der Stadt- und Kirchengemeinde Lahr in hohem Ansehen und wurde, da die Stadt bau- und unterhaltungspflichtig war, nach Ausweis der Orgelakten mit großer Sorgfalt aus öffentlichen Mitteln gepflegt. Im Jahr 1828 melden die Akten im Zusammenhang mit einem Neuanstrich der Kirche eine gründliche Reinigung, Stimmung und Regulierung durch den Orgelbauer Merklin von Oberhausen, aber keine notwendigen Reparaturen: Denn die Orgel Silbermanns war hinsichtlich des verwendeten Materials sowie ihrer künstlerischen und klanglichen Ausführung allerbeste Arbeit.

Umbau, Erweiterung und totaler Verlust


Erst im Jahr 1850 melden die Orgelakten größere Arbeiten an der Silbermann-Orgel. Anlass hierzu gab die umfangreiche Restaurierung der Stiftskirche durch Friedrich Eisenlohr und die hierfür notwendige Versetzung der Orgel auf die Westempore vor dem Turm. Die Arbeit wurde dem Orgelbauer Risch aus Hugstetten am Kaiserstuhl übertragen. Er ersetzte einige Register der Silbermannschen Disposition durch neue Grundstimmen im Geschmack der Zeit. Wegen des Turmneubaus im Jahr 1875 wurde die Orgel auf den Speicher des Schulhauses der ehemaligen Luisenschule am heutigen Rathausplatz ausgelagert. Dort ging sie im Juni 1877 beim Brand der Schule zugrunde.

Neues Orgelwerk, Umbau und neue Technik


Im Jahr 1880 errichtete der Orgelbauer Mathias Burkard aus Heidelberg eine neue Orgel, deren Werk 1911 durch die Firma Steinmeyer & Co. aus Oettingen (Bayern) völlig umgebaut wurde. Hierzu wurden weitgehend das Pfeifenwerk der Orgel von 1880 und die Kegellade des I. Manuals verwendet und ein neues II. Manual als Schwellwerk in das damals moderne pneumatische Traktursystem eingebaut, sowie der alte Spieltisch umgebaut und drei neue Zungenregister eingerichtet.

Kirchengemeinde wird unterhaltspflichtig


Nach diesem grundlegenden Umbau wurde die Bau- und Unterhaltungspflicht der Stadt 1912 durch einen Vertrag mit der Kirchengemeinde abgelöst. Bei einer Reinigung der Orgel im Zuge der Behebung der im Zweiten Weltkrieg an der Stiftskirche entstandenen Bauschäden nahm die Firma Steinmeyer auch eine klangliche Auflichtung durch den Einbau einiger heller Aliquotregister vor. Diese Maßnahme konnte aber den Zerfall der zunehmend unzuverlässiger arbeitenden Spieltraktur nicht aufhalten, was sich nach vierzig Jahren bei dem pneumatischen System allerorten zeigte.

Rückbesinnung auf Silbermann-Tradition


In bewusster Ausrichtung auf die Jahrzehnte zurückreichende Bedeutung der Stiftskirche im kirchenmusikalischen Leben Mittelbadens und im Hinblick auf die besondere Orgelgeschichte der Stiftskirche begehrte die Kirchengemeinde nun einen Neubau in Silbermann-Tradition, der in der Anlage der Stimmen und in der Güte der Ausführung den Erwartungen entsprechen sollte.

Am 26. Juni 1962 konnte des 250. Geburtstags von Johann A. Silbermann gedacht werden. Diesen Impuls nutzte der Kirchengemeinderat und fasste noch im gleichen Jahr, am 17. Juli 1962, den Beschluss zu einem Orgelneubau. Der Auftrag wurde an die Firma Muhleisen in Straßburg erteilt, die durch ihre sorgfältigen Arbeiten an den Silbermann-Orgeln in Straßburg und Mauersmünster (Marmoutier) bekannt geworden war und gerade an der Erneuerung der 1776 geschaffenen Silbermannorgel Meißenheim am Werk war.

In einer Planungsgemeinschaft wurde festgelegt, dass der Neubau in der Stiftskirche an den Prinzipien der Orgelbaukunst der Straßburger Meister ausgerichtet werden sollte. Ausschlaggebend für die klangliche und architektonische Gestaltung des neuen Werkes war zum einen die Silbermann-Tradition in Lahr, zum andern die Bedeutung der Stiftskirche als ältestes Zeugnis der gotischen Baukunst in der näheren und weiteren Umgebung.

Orgelneubau in drei Stufen auf der neuen Westempore


Die Bauarbeiten an der neuen Orgel für die Stiftskirche begannen 1963. Ernest Muhleisen verwirklichte die erste Baustufe mit dem neuen Rückpositiv (I. Manual) zum ersten Advent 1968, anschließend die Montage und die Intonation des Hauptwerks und Oberwerks (II. und III. Manual) zur Lahrer Festwoche der Kirchenmusik mit der Orgeleinweihung am Sonntag Cantate am 4. Mai 1969. In der zweiten Baustufe wurde das Pedal mit seiner großen Besetzung der Labial- und Zungenregister fertiggestellt und am Sonntag Estomihi am 29. Februar 1976 der Gemeinde in einer ,Orgelprobe' mit den vier Toccaten von Johann Sebastian Bach vorgespielt. Die Orgel fand ihre Aufstellung auf einer neuen Westempore.

Erweiterung und Vollendung


In den folgenden Jahren brachte die Innenerneu-
erung der Stiftskirche eine Veränderung der Akustik auch für den Orgelklang. Für die dritte Baustufe war deshalb das Anbringen der zur vollkommenen Intonation der Klänge gehörenden Schleierbretter, der sogenannten Orgelzier an der Schauseite des Gehäuses, vorgesehen. Nach eingehenden Überlegungen zur Gestaltung seit 1991 beschloss der Kirchengemeinderat am 4. April 1995, zugleich eine Erneuerung der mechanischen Teile des Spielwerks und den Einbau der Bombardlade durchführen zu lassen. Der Auftrag ging ebenfalls an die Manufacture d'Orgues Muhleisen in Straßburg. Die Vollendung der Orgel im Sommer 1997 bildete den Abschluss der bisherigen Orgelgeschichte. Mit 4 000 Pfeifen ist die heutige Orgel der Stiftskirche nicht nur ein klangprächtiges Zeugnis der Orgelbaukunst am Oberrhein, sondern mit ihren vier auf drei Manuale und Pedal verteilten Werken ist sie zugleich auch das bedeutendste vollmechanische Instrument im mittelbadisehen Raum. zurück zum Seitenanfang